Frauengesundheit ist unterfinanziert – und das hat einen Preis

Portrait Anke Sinnigen

Neun Jahre. So viele Jahre ihres Lebens verbringen Frauen im Durchschnitt mit gesundheitlichen Einschränkungen – etwa 25 % mehr als Männer. Ein großer Teil dieser Krankheitslast entsteht bereits ab der Lebensmitte, wenn hormonelle Veränderungen, chronische Erkrankungen und psychosoziale Belastungen zusammenkommen. Das zeigt eine aktuelle Übersichtsarbeit, die im März 2026 im renommierten Fachjournal The Lancet erschienen ist. Was steckt dahinter – und warum ändert sich so wenig?

Fast alle Frauen sind von frauenspezifischen Erkrankungen betroffen

Die meisten Frauen sind irgendwann im Leben von mindestens einer sogenannten frauenspezifischen Erkrankung betroffen: Myome, Adenomyose, Endometriose, Harninkontinenz – oder Wechseljahrsbeschwerden. Diese Erkrankungen sind nicht lebensbedrohlich, aber sie können massiv die Lebensqualität beeinträchtigen: nicht nur der Alltag leidet, sondern auch die berufliche Leistungsfähigkeit.

Eine Befragung von rund 33.000 Frauen in den Niederlanden zeigt das Ausmaß: 14 Prozent fehlten wegen menstruationsbedingter Beschwerden bei der Arbeit, 81 Prozent arbeiteten trotz Beschwerden – also mit eingeschränkter Leistungsfähigkeit. Eine Studie aus irischen Krankenhäusern ergänzt: 18 Prozent der weiblichen Mitarbeiterinnen nahmen wegen Wechseljahrsbeschwerden Krankentage, 65 Prozent berichteten von verminderter Arbeitsleistung.

Werden Wechseljahrsbeschwerden häufig fehldiagnostiziert?

Ja – und das ist eines der zentralen Probleme, das die Lancet-Autorinnen benennen: Wechseljahrsbeschwerden werden häufig als psychische Erkrankungen fehlinterpretiert und deshalb nicht ursächlich behandelt. Dadurch entsteht eine Diskrepanz zwischen der eigentlichen Diagnose und einer wirksamen Therapie. Das kostet wertvolle Zeit und kann langfristige gesundheitliche Folgen haben.

Nur 1 Prozent der Forschungsgelder fließen in Frauengesundheit

Hier liegt ein strukturelles Problem: Nur 1 Prozent des gesamten pharmakologischen Forschungsbudgets wird in frauenspezifische Erkrankungen investiert – obwohl fast alle Frauen irgendwann betroffen sind. Dabei belegt ein aktueller Report, dass jeder investierte Dollar in die Frauengesundheitsforschung das 40-fache zurückbringt: durch weniger Krankheitstage, höhere Produktivität und niedrigere Folgekosten. Das McKinsey Health Institute schätzt, dass eine bessere Versorgung weltweit jährlich bis zu einer Billion US-Dollar einsparen könnte.

Auch bei Investitionen in neue Technologien zeigt sich die Lücke: FemTech-Unternehmen erhalten nur 9 Prozent der Risikokapitalgelder, und 2024 bekamen lediglich 1 Prozent der weiblich geführten Gründungsteams überhaupt Zugang zu Kapital.

Warum ist Frauengesundheit strukturell benachteiligt?

Die Lancet-Autorinnen benennen die Ursachen klar: historische Vorurteile, gesellschaftliche Tabus rund um den weiblichen Körper, fehlendes Bewusstsein – und zu wenige Frauen in Entscheidungspositionen bei Forschungsförderern und Investoren. Das Ergebnis ist ein systemisches Versagen, das Frauen täglich zu spüren bekommen.

Was sich in Deutschland bewegt

Hierzulande tut sich zum Glück etwas. Erstmals stehen die Wechseljahre im Koalitionsvertrag – ein Ergebnis der Arbeit unserer Initiative #wirsind9millionen. Das Bundesforschungs- und das Gesundheitsministerium haben Fördermittel für Frauengesundheitsforschung bereitgestellt. Und das Pilotprojekt W1-Untersuchung in Bayern soll erstmals eine strukturierte ärztliche Beratung zu den Wechseljahren ermöglichen. Das reicht noch nicht – aber es ist ein Anfang.


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Häufige Fragen zu den Wechseljahren

Warum erhalten Frauen bei Wechseljahrsbeschwerden so oft eine Fehldiagnose?

Weil bisher eine gründliche ärztliche Ausbildung zu den Wechseljahren während des Studiums fehlt und Symptome wie Schlafstörungen, Erschöpfung oder Stimmungsschwankungen oberflächlich einer Depression ähneln können. Wer das Gefühl hat, nicht ernst genommen zu werden, sollte gezielt eine gynäkologische Wechseljahressprechstunde aufsuchen. Wir haben dafür die Arztsuche für die Wechseljahre aufgebaut.

Sind Wechseljahresbeschwerden wirklich so verbreitet?

Ja. Rund jede dritte Frau erlebt die Wechseljahre als stark belastend, ein weiteres Drittel als moderat belastend. Beschwerden wie Hitzewallungen, Schlafstörungen oder kognitive Veränderungen sind gut erforscht und – entscheidend – behandelbar.

Warum fließt so wenig Geld in die Erforschung von Frauenkrankheiten?

Eine Kombination aus historischen Forschungslücken, gesellschaftlichen Tabus und zu wenigen Frauen in Entscheidungspositionen. Frauengesundheit wird strukturell als weniger wichtig eingestuft – obwohl die wirtschaftlichen Argumente für mehr Investitionen längst auf dem Tisch liegen.

Was kann ich tun, wenn ich mich mit meinen Wechseljahrsbeschwerden allein gelassen fühle?

Suche gezielt eine Ärzt:in auf, die sich zu den Wechseljahren weitergbeildet hat. Eine Orientierung kann die Mitgliedschaft in der Deutschen Menopause Gesellschaft bieten. Die Wechseljahre-Sprechstunde auf wexxeljahre.de bietet dir ein erstes Gespräch, eine Zweitmeinung oder eine Spezialsprechstunde – je nach deiner Situation.