Frauen in den Wechseljahren erleben seit Jahrzehnten eine Versorgungslücke: Viele suchen ärztliche Unterstützung, doch eine strukturierte und abrechenbare Beratung für die Wechseljahre gibt es in Deutschland bisher nicht. Genau dieses Defizit soll ein neues Pilotprojekt in Bayern adressieren – die W1-Untersuchung.
In einem Gespräch im Podcast „Meno an mich“ erläutert Prof. Dr. Marion Kiechle, wie dieses Vorhaben aussehen soll und welche Bedeutung es für Frauen, Ärzt:innen und das Gesundheitssystem haben könnte.
Was ist die W1-Untersuchung?
Die geplante W1-Untersuchung soll eine standardisierte ärztliche Beratung speziell zu den Wechseljahren sein. Herzstück ist ein rund 30-minütiges Gespräch, in dem medizinische Grundlagen, hormonelle Veränderungen, typische Beschwerden sowie individuelle Risiken besprochen werden.
Ziel ist eine deutlich bessere Gesundheitskompetenz: Frauen sollen Symptome besser einordnen, Entscheidungen selbstbewusster treffen und Präventionsmöglichkeiten kennen – ein Bereich, der bisher oft allein in der Selbstinformation liegt.
Geplante Studie: Start 2026
Damit die W1-Untersuchung in den Leistungskatalog aufgenommen werden kann, braucht es wissenschaftliche Evidenz. Eine entsprechende Studie befindet sich in Vorbereitung.
Wesentliche Eckpunkte:
- Studienstart: voraussichtlich 2026
- Dauer: etwa 12 Monate
- Teilnehmerinnen: rund 500 Frauen
- Format: Beratung via 30-minütiger Videosprechstunde
- Primäre Endpunkte:
- Verbesserung der Gesundheitskompetenz
- Besseres Verständnis und Management der Symptome in den Wechseljahren
- Ergebnisse: spätestens 2027
Die Studie soll zeigen, ob die W1-Beratung messbare Effekte auf Wissen, Verhalten und Symptomwahrnehmung hat – Grundvoraussetzung für eine spätere Finanzierung durch die GKV.
Starke gesundheitspolitische Unterstützung aus Bayern
Das Projekt wird vom Bayerischen Gesundheitsministerium initiiert und gefördert. Prof. Dr. Marion Kiechle betont die Rolle von Gesundheitsministerin Judith Gerlach, die sich mir großem Engagement dafür einsetzt, Frauengesundheit stärker in den Fokus zu rücken.
„Diese Studie wird vom Bayerischen Gesundheitsministerium unterstützt und initiiert. Und ich bin sehr froh, dass die aktuelle Gesundheitsministerin das angestoßen hat und aktiv fördert. Judith Gerlach ist in Sachen Gesundheitsthemen für die Frau besonders offen und hat hier diese große Lücke erkannt.“
Dass ein Ministerium ein solches Projekt aktiv vorantreibt, verleiht dem Thema nicht nur wissenschaftliche, sondern auch politische Relevanz.
Warum der wissenschaftliche Nachweis so wichtig ist.
Bevor eine neue Leistung in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung aufgenommen werden kann, prüft der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), ob ein klarer Nutzen belegt ist. Erst dann können folgende Punkte festgelegt werden:
- Inhaltliche Ausgestaltung
- Vergütung für Ärzt:innen
- Abrechnungsfähigkeit im Rahmen der GKV
Der G-BA definiert außerdem, welche Leistungen (z. B. ein 30-minütiges Gespräch) abrechenbar sind.
Wichtig für Frauen: Auch vor einem G-BA-Beschluss können einzelne Krankenkassen entscheiden, die W1-Beratung freiwillig zu erstatten – insbesondere dann, wenn die Studie klare Vorteile zeigt. Das eröffnet die Möglichkeit, dass Frauen schon früher profitieren könnten!
Welche Themen soll die W1-Beratung abdecken?
Zu den vorgesehenen Inhalten zählen:
- Typische Symptome der Wechseljahre
- Hormonelle Veränderungen
- Therapieoptionen (HRT, pflanzliche Präparate, Lebensstil, Nährstoffe)
- Langzeitfolgen des Hormonmangels, z.B. für Knochengesundheit (z. B. Osteoporoserisiko, Prävention) und Mundgesundheit (z.B. Empfehlung für regelmäßige dentale Kontrollen)
- Gesundheitsfördernder Lebensstil
Toll wäre, wenn ein ganzheitliches Beratungsformat entsteht, das viele bisher getrennte Themen bündelt!
Eine körperliche Untersuchung oder eine Blutdiagnostik sind offenbar nicht vorgesehen.
Wie geht es weiter?
Nach Abschluss der Studie folgt die Prüfung durch den G-BA – ein Prozess, der naturgemäß Zeit benötigt. Dennoch gilt die W1-Untersuchung schon jetzt als potenziell wegweisend: Sie könnte die Versorgung von Frauen in den Wechseljahren erstmals verbindlich strukturieren und damit gleichzeitig Ärzt:innen entlasten und Patientinnen stärken.
FAQ:
Warum braucht es eine spezielle Beratung für die Wechseljahre?
Weil die Wechseljahre bislang in der Regelversorgung kaum strukturiert abgebildet ist. Eine systematische Aufklärung fehlt. Gleichzeitig kann die Beratung von Ärzt:innen nicht adäquat abgerechnet werden. Diese erhalten nur die Quartalspauschale von knapp 17 Euro. Die W1-Beratung soll die Lücke in der Aufklärung schließen und die Leistung der Ärzt:innen besser vergüten.
Kann die W1-Untersuchung auch Frauen helfen, die keine HRT wünschen?
Ja. Die Beratung ist nicht auf bestimmte Therapien ausgerichtet, sondern vermittelt Grundlagen, Risiken, Präventionsstrategien und individuelle Optionen – unabhängig von der Wahl der Behandlung.
Ab wann könnten Krankenkassen die Kosten übernehmen?
Einzelne Krankenkassen können schon vor dem G-BA-Beschluss freiwillig entscheiden, ob sie die Kosten ganz oder teilweise erstatten. Nach Veröffentlichung der Studiendaten (spätestens 2027) steigt die Chance dafür. Du solltest dann ggf. aktiv bei deiner Krankenkasse nachfragen, ob sie die Kosten übernimmt.
