Ein Manifest für die Menopause

Portrait Anke Sinnigen

„Machen wir richtig Lärm“ sagt Jen Gunter in der Einleitung zu ihrem „Menopause Manifest„. Sie ist den abfälligen Sprachgebrauch des Begriffs Menopause leid und entlarvt den patriarchalischen Blick auf die Wechseljahre als „Zeit der Schwäche und des Bedeutungsverlusts von Frauen“. Sie will mit ihrem Manifest wissenschaftliche Fakten liefern, damit Frauen besser informiert die richtigen Entscheidungen für ihre Gesundheit treffen können und sich auch gesellschaftlich die Wahrnehmung des Wertes von Frauen in den Wechseljahren ändert.

Jen Gunter ist Expertin für den weiblichen Körper und die weibliche Gesundheit. Sie ist – laut Guardian – nicht nur eine der berühmtesten Gynäkologinnen der Welt, sondern sie provoziert auch gerne: sei es, indem sie sich mit Gwyneth Paltrow und der Werbung für deren Jade-Eier anlegte oder mit ihrer „Vagina-Bibel“, in der sie alle Fragen rund um das weibliche Geschlechtsorgan beantwortet.

Jetzt also die Wechseljahre – wie in der Vagina-Bibel gibt es im Menopause Manifest hier geballtes medizinisches Wissen. Darüber hinaus historische und evolutorische Informationen, die uns besser verstehen lassen, warum die Wechseljahre so negativ wahrgenommen werden. Gunter plädiert dafür, die Menopause nicht als Krankheit zu betrachten, weil das implizit bedeutet, dass Weiblichkeit an sich eine Krankheit ist – und das weist sie entschieden zurück.

Neben den medizinischen Grundlagen über die Wechseljahre und der Bedeutung der hormonellen Veränderungen für den weiblichen Körper mit Symptomen wie Hitzewallungen, unregelmäßigen, sehr starken oder schwachen Blutungen, dem urogenitalen Menopausensyndrom sowie negativen Auswirkungen auf Sexualität und Schlaf, greift sie auch immer wieder das erhöhte Risiko von Frauen nach der Menopause für kardiovaskulären Erkrankungen, Osteoporose und Demenz auf. Sie will nicht nur über die Linderung von Beschwerden sprechen, sondern aufzeigen, wie Frauen die richtigen Weichen für die eigene Gesundheit im Alter stellen.

Studien zur Menopause unter der Lupe

Jen Gunter beschäftigt sich im Menopause Manifest intensiv mit den Studien zur Hormontherapie. Das ist aber nur ein Kapitel von vielen, sie prüft auch in zahlreichen anderen, für Frauen gesundheitlich relevanten Bereichen die wissenschaftlichen Fakten. Ein Beispiel: Wie gut wirken Phytoöstrogene? Obwohl sich der Mythos hält, dass Japanerinnen nur wenig Wechseljahresbeschwerden haben, weil sie von klein auf viel Soja essen, konnte in den meisten Studien tatsächlich kein Einfluss auf Hitzewallungen, Schlafqualität oder Scheidentrockenheit nachgewiesen werden. Wenn aber die Studienlage keinen Effekt zeigen kann, warum gilt dann diese Ernährung – mit dem weltweit höchsten Wert von täglich 26-64 mg Phytoöstrogenen – als eine der gesündesten der Welt? Ein Blick ans Mittelmeer zeigt, dass die dortige Ernährungsform ebenfalls seit vielen Jahren Platz 1 bei den Ernährungsempfehlungen für Frauen in den Wechseljahren belegt und wie die japanische einen guten Schutz vor der Todesursache Nummer 1 bei Frauen, den Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bietet. Der Phytoöstrogen-Gehalt der Mittelmeerkost liegt allerdings nur bei geringen 1,5 mg pro Tag. Beide Ernährungsformen werden also mit Gesundheit in den Wechseljahren und Langlebigkeit in Verbindung gebracht – obwohl die eine Form sehr reich und die andere sehr arm an Phytoöstrogenen ist. Tatsächlich gibt es aber andere Gemeinsamkeit: beide verwenden wenig verarbeitete Lebensmittel, wenig Zucker, viel Gemüse und Fisch. „Phytoöstrogene können daher Teil einer gesunden Ernährung sein, essentiell sind sie aber nicht“, so die Schlussfolgerung von Jen Gunter.

Das Menopause Manifest setzt auf flexible Lösungen

Das Sympathische am Menopause Manifest ist auch, dass sie die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten herausstellt, aber nicht die eine Lösung für alle Frauen propagiert. Für einige Frauen sind Hormone genau das richtige, für andere aber nicht. Und auch die Frauen, die Hormone nehmen, werden ihre Beschwerden nicht los, wenn sie nicht gleichzeitig auf die anderen wichtigen Bausteine für die Gesundheit von Frauen – Ernährung, Bewegung/Sport und ausreichend Schlaf – setzen. Jen Gunter geht es darum, zu erklären, was Gesundheit in den Wechseljahren und im Alter ausmacht, welche Erkrankungen Frauen vielleicht aufgrund ihrer genetischen Ausstattung zu erwarten haben und wie sich persönliche Risiken mit einer guten Lebensqualität vereinbaren lassen. Dazu braucht es vor allem Aufklärung und objektive Informationen.

Ein Nachteil ist, dass sie die US-Brille beim Schreiben ihres Buches auf hatte und die deutsche Ausgabe leider nur an einigen wenigen Stellen mit spezifischen Informationen für die deutschen Leserinnen ergänzt wurde. So geht es bei den Nahrungsergänzungsmitteln um die Regelungen am US-Markt, die Health Claim Verordnungen der EU, die für uns relevant sind, spielen aber keine Rolle. Und ihr Kapitel über die Hormontherapie (den Begriff Hormonersatztherapie (HRT) lehnt sie ab, da dieser suggerieren würde, dass die Wechseljahre ein biologisch fehlerhafter Zustand wären. Stattdessen schreibt sie von der menopausalen Hormontherapie (MHT) – also ein medizinischer Eingriff, aber kein Ersatz) ist für Frauen aus der DACH-Region leider etwas kurz geraten. Hierzulande stehen bioidentische Fertigarzneimittel hoch im Kurs, auf diese geht sie aber leider so gut wie gar nicht ein. Grund ist, dass in den USA mit bioidentischen Hormonen vor allem die Individualrezepturen, die in Apotheken hergestellt werden, gemeint sind. Rund 40 Prozent der MHT-Substanzen werden individuell angemischt. Das ist ein Riesengeschäft mit Erlösen von mittlerweile 1 Milliarde Dollar – und das, ohne dass Aufsichtsbehörden ihre Finger mit im Spiel hätten oder es kostspielige Studien dazu gäbe. Viele Frauen setzen auf diese bioidentischen Hormone, weil der Name eine Natürlichkeit und damit Sicherheit versprechen würde, die tatsächlich aber weniger vorhanden ist als bei den Fertigarzneimitteln (die ihre Wirksamkeit in aufwendigen Studien beweisen müssen).

Ein allgemeiner Verfall ist nicht zu befürchten.

Die in Deutschland beliebten bioidentischen Hormone – wie beispielsweise Gynokadin und Famenita – werden nur im Anhang in wenig aussagekräftigen Tabellen genannt. Das ist schade. Ein Exkurs über diese bioidentischen Hormone – auch im Vergleich zu den synthetischen – hätte eine sinnvolle Bereicherung und konkrete Hilfestellung für die deutschen Leserinnen des Menopause Manifests werden können. Aber da das Buch so viele andere wichtige Themen anspricht, die Studienlage Laien verständlich erklärt wird und immer mit einem feministischen Blick Wissenschaft, Forschung und Gesellschaft inspiziert, ist das Buch in jedem Fall auch für deutsche Leserinnen ein großer Gewinn. Wie ein roter Faden zieht sich die Erkenntnis durch das Buch, dass die Menopause eine Zeit ist, in der Frauen seit alters her durch ihre Erfahrung und ihr Wissen Großes für die Gesellschaft geleistet haben. Es gibt in den Wechseljahren zwar Beschwerden und medizinische Probleme, aber dagegen können Frauen etwas tun. Ein allgemeiner Verfall ist dagegen nicht zu befürchten – wirklich nicht!

Hinweis: Das Buch haben wir kostenfrei vom Südwest-Verlag zur Rezension erhalten. Dies hat keinen Einfluss auf die Bewertung des Buches.

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