Wechseljahre können die Karriere beenden

Portrait Anke Sinnigen

Die Wechseljahre sind für berufstätige Frauen eine besondere Herausforderung – oft mit drastischen Konsequenzen: Eine von zehn kündigt aufgrund der Beschwerden ihren Job. Jede dritte bis vierte Frau in der Altersgruppe zwischen 45 und 55 überlegt, die Berufstätigkeit aufzugeben, die Arbeitszeit zu reduzieren oder einen schlechter bezahlten Job anzunehmen.[1] Ursache ist, dass sie sich dem Job nicht mehr gewachsen oder am Arbeitsplatz nicht verstanden fühlen. „Trotz Fachkräftemangel engagieren sich nur wenige Unternehmen für ihre Mitarbeiterinnen in den Wechseljahren und nehmen deren Herausforderungen ernst“, stellt Anke Sinnigen, Gründerin von wexxeljahre fest. Das zeigt auch eine weitere Umfrage, in der etwa die Hälfte der befragten Frauen sagte, dass sie bei der Arbeit nicht über die Wechseljahre sprechen könnten, weil sie soziale Stigmatisierung befürchten würden.[2]  

Nur wenige Unternehmen in Deutschland bieten ihren Mitarbeiterinnen in den Wechseljahren konkrete Unterstützung. Eine Ausnahme ist der Technologiekonzern SAP. Dort gibt es bereits seit 25 Jahren eine individuelle Gesundheitsberatung für Frauen, die ergänzt wird durch interne Informationen sowie spezifischen Veranstaltungen zur Menopause. SAP setzt auch auf employee stories, in denen Frauen über ihre persönlichen Erfahrungen berichten und andere Frauen ermutigen, dies ebenfalls zu tun. „Diese Einblicke zeigen anderen Frauen, dass sie nicht allein sind, und wir bei SAP offen mit den Herausforderungen von Frauen umgehen“, erklärt Dr. Natalie Lotzmann, Chief Medical Officer und Vice President Human Resources bei SAP, im Interview mit wexxeljahre. Darauf bauen auch weitere Angebote zur Vernetzung auf, über die Frauen mit anderen betroffenen Frauen in Kontakt treten und sich persönlich austauschen können.

Das Unangenehme an Hitzewallungen ist ihre Sichtbarkeit

Als größte Herausforderung im Berufsleben sieht Natalie Lotzmann die für die Wechseljahre typischen Hitzewallungen. Diese verursachen plötzlich aufsteigende Hitze, Schweißausbrüche und Rötungen, die etwa im Gesicht, am Hals und an der Brust auftreten können. Diese Erfahrung ist für die meisten Frauen sehr unangenehm, zudem ist das Symptom immer noch schambesetzt. Aber auch Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen führen aus ihrer Sicht dazu, dass Frauen zwischenzeitlich etwas „näher am Wasser gebaut und nicht mehr so belastbar sind – und das mündet dann oft im Rückzug.“ Sie selbst pflegt mittlerweile einen offenen Umgang mit den Symptomen und nimmt bei Vorträgen einfach einen Handventilator mit auf die Bühne. „Das Unangenehme an den Hitzewallungen ist ja ihre Sichtbarkeit“, sagt sie und ergänzt, „jede Besonderheit zieht potenziell ein Stigma auf sich.“ Sie kann daher nachvollziehen, dass viele Frauen im Unternehmen nicht über ihre Wechseljahre sprechen wollen.

Die größten Hürden im Berufsleben sind allerdings auch ihrer Sicht nicht die Symptome selbst, sondern wenn Frauen unvorbereitet in die Wechseljahre kommen. „Diese Hürde kann man aber mit guter interner Kommunikation überwinden, die sich für die Aufklärung mit verantwortlich fühlt“, glaubt sie. „Unsere wichtigste Botschaft an Frauen ist: Du bist nicht allein, die Menopause betrifft jede Frau weltweit.“ Schlimm wäre allerdings, wenn Frauen die Herausforderungen alleine mit sich ausmachen müssten und diese weder im Kolleg:innenkreis noch gegenüber der Führungskraft ansprechen könnten.

„Wir wollen die Frauen nicht verlieren“

Eine Unterstützung kann sich dabei nicht nur für die Frauen selbst, sondern auch ökonomisch auszahlen. Denn die durch die Menopause verursachten Produktivitätsverluste belaufen sich weltweit auf etwa 150 Milliarden Dollar pro Jahr. Berücksichtigt man zusätzlich die Kosten für das Gesundheitssystem, könnten die Gesamtkosten auf über 810 Milliarden Dollar ansteigen.[3] „Die Tendenz ist dabei steigend, 2030 wird etwa ein Viertel der weiblichen Weltbevölkerung in den Wechseljahren sein“, so Anke Sinnigen. Auch aus Sicht von Natalie Lotzmann spielt der ökonomische Aspekt eine Rolle: „Der Business Case ist groß. Bei den betroffenen Frauen sind die Kinder oft aus dem Haus, die Frauen können sich neu sortieren und wollen vielleicht einen neuen Karriereschritt machen. Da ist es sehr wichtig, dass wir diese Frauen nicht verlieren!“

Einen offeneren Umgang zur richtigen Zeit starten

Viele Unternehmen zögern allerdings noch, spezielle Angebote für Frauen in den Wechseljahren zu schaffen oder das Thema in die interne Kommunikation zu integrieren. In Ländern wie Großbritannien sieht das hingegen anders aus: Immer mehr Unternehmen, darunter beispielsweise Tesco, Santander oder Asos, machen sich dort für „Menopause policies“ stark organisieren Informationsveranstaltungen, bilden Führungskräfte weiter, unterstützen Frauen mit flexibleren Arbeitszeiten, statten Waschräume mit Hygiene-Artikeln aus oder bieten atmungsaktive Berufskleidung an. Unternehmen wie die Drogeriekette Boots erstattet ihren Mitarbeiterinnen sogar die Kosten für eine Hormonersatztherapie. In Deutschland ist die Zurückhaltung dagegen nach wie vor groß. „Das Ganze ist ein Prozess, der dauern kann“, ist auch die Erfahrung von Natalie Lotzmann. „Man braucht ein Gespür dafür, wann ist der richtige Zeitpunkt in unserem Unternehmen? Es kann auch sinnvoll sein, erst mal klein anzufangen, die Reaktionen abzuwarten und dann weitere Angebote zu schaffen.“

„Sucht euch Verbündete!“

Betroffenen Frauen rät sie, vor allem die Allianz mit anderen zu suchen, und sie wünscht sich, dass diese dann auch anderen Frauen helfen. „Wenn ihr mutig seid, werdet zu Pionierinnen“, ermuntert Natalie Lotzmann betroffene Frauen. „Erzählt eure Geschichte und geht offen mit den Herausforderungen um.“ Wer das Thema weniger offensiv ansprechen wolle, sollte intern nach Verbündeten Ausschau halten, die offen dafür sind. Das könnten etwa die Personal- oder die Kommunikationsabteilung sein. „Egal, wie das Engagement aussieht, damit können Frauen andere Frauen empowern und gleichzeitig etwas Gutes für die Unternehmenskultur tun.“


[1] https://www.vodafone.com/sites/default/files/2021-10/menopause-global-research-report-2021.pdf; https://balance-menopause.com/uploads/2021/10/Lewis-Newson-BMS-poster-SCREEN-1-1.pdf; https://av.sc.com/corp-en/content/docs/Menopause-in-the-Workplace-Impact-on-Women-in-Financial-Services.pdf

[2] https://www.vodafone.com/sites/default/files/2021-10/menopause-global-research-report-2021.pdf;

[3] https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-06-18/women-are-leaving-the-workforce-for-a-little-talked-about-reason?leadSource=uverify%20wall

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