Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes fordert eine Nationale Wechseljahres-Strategie. Die Tagesspiegel-Kolumnistin Sabine Rennefanz sieht das skeptisch. Vieles in dem Papier klingt für sie vernünftig, und sie räumt Lücken in der medizinischen Versorgung ein. Zweifel hat sie vor allem beim Fokus auf den Arbeitsplatz. Sie befürchtet, dass unter dem Vorzeichen der Aufklärung alte Vorurteile gegen Frauen neu belebt werden.
Dieses Argument höre ich häufiger, aber ihre Schlussfolgerung teile ich nicht. Ich kläre in Unternehmen über die Wechseljahre auf, und die Zahlen sprechen aus meiner Sicht für mehr Wissen am Arbeitsplatz: Laut DAK fühlen sich drei von zehn berufstätigen Frauen zwischen 40 und 62 Jahren durch die Wechseljahre im Job beeinträchtigt. Hier kommt ein genauerer Blick auf ihre Einwände – und was Analysen und meine Erfahrung zeigen:
„An Aufmerksamkeit für die Wechseljahre fehlt es nicht“
Rennefanz verweist auf Podcasts, Bücher, Artikel und Kolumnen zu den Wechseljahren. Dass das Thema trotzdem als Tabu bezeichnet wird, wundert sie.
Sichtbarkeit in den Medien heißt aber nicht, dass das Wissen dort ankommt, wo Frauen es brauchen. In einer Befragung der DAK erwarten 91 % der Frauen Informationen zu den Wechseljahren von ihrer Frauenärzt:in. Nur 19 % bekommen sie dort. Fast jede zweite wünscht sich, dass die Wechseljahre stärker öffentlich diskutiert werden.
Im Betrieb sieht es nicht besser aus. In der MenoSupport-Befragung der HWR Berlin nennt mehr als die Hälfte der Frauen die Wechseljahre an ihrem Arbeitsplatz ein Tabuthema. Wer Podcasts hört, ist gut informiert. Die eigene Führungskraft ist es deshalb noch lange nicht.
„Aufklärung belebt alte Vorurteile“
Beim Lesen des Papiers der Antidiskriminierungsstelle beschleicht Rennefanz das Gefühl, dass „das alte Bild der hormongesteuerten, biologisch minderwertigen Frau“ zurückkehrt. Wieder sei es der Frauenkörper, der besonders geschützt werden müsse.
Ich sehe es umgekehrt. Vorurteile entstehen aus Unwissen. Schlafstörungen oder Konzentrationsprobleme können zu den Wechseljahren gehören. Wer das nicht weiß, hält sie schnell für mangelnde Leistung. Wissen hilft beim Einordnen und reduziert Frauen nicht auf ihre Hormone.
Die Angst vor Benachteiligung gibt es außerdem schon heute, ganz ohne Strategie. Laut DAK befürchtet jede sechste Frau, in dieser Lebensphase am Arbeitsplatz benachteiligt zu werden.
Wird aus Offenheit Erklärungsdruck?
Rennefanz bezweifelt, dass viele Frauen mit ihren Chefs über Schlafmangel und Inkontinenz reden wollen. Sie möchte nicht, dass aus der neuen Offenheit die Erwartung wird, sich zu erklären. Und dass beim nächsten Fehler einer Frau wissend genickt wird: Das sind die Hormone.
Diese Sorge ist berechtigt. 48 % der Frauen ist es laut DAK unangenehm, mit ihrem Arbeitgeber über die Wechseljahre zu sprechen. Gute Konzepte setzen deshalb nicht auf Offenlegung. Flexible Arbeitszeiten, gut temperierte Räume oder geschulte Ansprechpersonen helfen auch dann, wenn eine Frau ihre Symptome für sich behält.
Ähnliche Maßnahmen schlägt auch die Antidiskriminierungsstelle vor: flexible Arbeitszeiten, geeignete Raumtemperaturen, Zugang zu Toiletten und betriebsärztliche Beratung. Frauen entscheiden selbst, ob und mit wem sie über ihre Wechseljahre sprechen.
„Frauen werden ohnehin benachteiligt“
Rennefanz erinnert daran, dass Frauen im Beruf nicht erst mit 50 benachteiligt werden. Mit 29 gelten sie als Risiko, weil sie schwanger werden könnten. Mit 39 gelten sie als weniger verfügbar. Eine gut gemeinte Initiative sollte deshalb darauf achten, keine neuen Gründe für Benachteiligung zu liefern.
Da hat sie recht. Aber Schweigen ändert daran nichts. In der MenoSupport-Befragung hat knapp ein Viertel angegeben, wegen der Wechseljahre Stunden reduziert zu haben. Jede zehnte geht früher in den Ruhestand. Das kostet Einkommen, Rente und Aufstiegschancen. Rennefanz verweist selbst darauf, dass weniger als ein Drittel der Führungspositionen mit Frauen besetzt ist. Wer in der Lebensmitte Stunden reduziert oder aussteigt, kommt in der Ebene seltener an.
Die Antidiskriminierungsstelle will Frauen vor Benachteiligung schützen. Sie fordert, gesetzlich klarzustellen, dass der Diskriminierungsschutz auch für Frauen in den Wechseljahren gilt. Als Beispiel nennt die unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung Ferda Ataman eine Frau, deren Vertrag wegen Wechseljahresbeschwerden nicht verlängert wird. Rechtlich sei bisher nicht eindeutig, ob das als Diskriminierung gilt.
Nicht jede Frau ist gleich betroffen
Rennefanz weist darauf hin, dass die Wechseljahre nicht jede Frau gleich stark treffen. Auch Männer über 50 werden krank, schlafen schlecht oder sind weniger belastbar. Unter Hormonverdacht stehen sie trotzdem nicht.
Das stimmt, die Wechseljahre verlaufen sehr unterschiedlich. Laut DAK fühlen sich drei von zehn berufstätigen Frauen zwischen 40 und 62 Jahren durch die Wechseljahre im Job beeinträchtigt. Fast jede zweite davon empfindet das als stark. Angebote am Arbeitsplatz richten sich an Frauen mit Beschwerden. Über alle anderen sagen sie nichts aus.
Was wäre die Alternative?
Was mir im Artikel fehlt, ist die Antwort auf die Frage, was denn stattdessen passieren soll. Alles bleibt beim Alten? Frauen nehmen ihre Beschwerden hin, reduzieren Stunden oder gehen ganz aus dem Job? Und tragen die Folgen allein?
Nach meiner Erfahrung ist die größte Hürde für mehr Verständnis fehlendes Wissen bei Führungskräften. Bei mehr als der Hälfte der Frauen, die sich im Job durch die Wechseljahre belastet fühlen, bietet der Arbeitgeber laut DAK keinerlei Unterstützung. Wenn Arbeitgeber überhaupt etwas anbieten, ist die Sensibilisierung von Führungskräften mit 2 % die Ausnahme.
Eine Führungskraft, die weiß, was in dieser Lebensphase passieren kann, reagiert anders auf Leistungsschwankungen. Sie muss dazu keine Diagnose kennen und nichts nachfragen. Ihre Aufgabe ist zu fragen „Wie kann ich dich unterstützen?“
Wechseljahre als Chance
Und ein Blick fehlt mir in der Debatte ganz: die Chance für Unternehmen. Wer Frauen in den Wechseljahren besser unterstützt, wird als Arbeitgeber attraktiver und sichert sich qualifizierte Fachkräfte. Frauen in dieser Lebensphase bringen meist viel Erfahrung, Kompetenz und Wissen mit, das sie gewinnbringend einsetzen können.
Großes Geld kostet die Unterstützung nicht. Es geht um kleine Anpassungen im Arbeitsalltag und vor allem um Sensibilisierung und eine offene Kommunikation.
Wechseljahre am Arbeitsplatz: Wissen in den Betrieb bringen
Ich unterstütze Unternehmen mit verschiedenen Formaten, Wissen über die Wechseljahren am Arbeitsplatz aufzubauen.
Infos für MENOPAUSE CHAMPIONS, die aktiv die Wechseljahre in ihrem Arbeitsumfeld enttabuiseren möchten.
Häufige Fragen zu Wechseljahren am Arbeitsplatz
Was fordert die Antidiskriminierungsstelle des Bundes?
Sie fordert eine Nationale Wechseljahresstrategie. Für den Arbeitsplatz schlägt sie unter anderem flexible Arbeitszeiten, geeignete Raumtemperaturen, Zugang zu Toiletten und betriebsärztliche Beratung vor. Gesetzlich soll klargestellt werden, dass der Diskriminierungsschutz auch für Frauen in den Wechseljahren gilt.
Wie viele Frauen sind im Job durch die Wechseljahre beeinträchtigt?
In einer Befragung der DAK unter 2.500 berufstätigen Frauen zwischen 40 und 62 Jahren fühlen sich drei von zehn durch die Wechseljahre im Job beeinträchtigt. Fast jede zweite davon empfindet das als stark.
Müssen Frauen mit ihrem Arbeitgeber über ihre Beschwerden sprechen?
Nein. 48 % der Frauen ist es laut DAK unangenehm, mit dem Arbeitgeber über die Wechseljahre zu sprechen. Flexible Arbeitszeiten, gut temperierte Räume und geschulte Ansprechpersonen helfen auch dann, wenn eine Frau ihre Symptome für sich behält.
Was sind die Folgen, wenn Frauen nicht unterstützt werden?
Die MenoSupport-Studie hat gezeigt, dass jede Vierte Frau ihre Arbeitszeit reduziert. Andere wechseln die Stelle oder nehmen eine Auszeit und eine von zehn Frauen geht früher in Rente. Bei den Frauen ab 55 Jahren ist es fast jede Fünfte, die früher in den Ruhestand geht.
Was können Arbeitgeber tun?
Nach meiner Erfahrung ist neben der allgemeinen Aufklärung der wichtigste Schritt, Führungskräfte zu sensibilisieren. Unter den Angeboten der Arbeitgeber ist das laut DAK mit 2 % bisher die Ausnahme. Dazu kommen kleine Anpassungen im Arbeitsalltag wie flexible Arbeitszeiten oder eine angenehme Raumtemperatur.
Quellen
- Sabine Rennefanz, Kolumne im Tagesspiegel, 29.10.2026
- DAK-Gesundheit: Jede dritte Frau fühlt sich im Job durch die Wechseljahre beeinträchtigt, Pressemitteilung vom 14.11.2025. Befragung von 2.500 berufstätigen, gesetzlich versicherten Frauen zwischen 40 und 62 Jahren durch das IMK.
- HWR Berlin, MenoSupport: Ergebnisüberblick der Befragung Wechseljahre am Arbeitsplatz. Online-Befragung von 2.119 Frauen, Teilnahme über Aufrufe, nicht repräsentativ.
- epd: Ataman fordert Maßnahmen gegen Diskriminierung in Wechseljahren, 13.10.2026
