Im Interview mit Riff Reporter und im Tagesspiegel stellt die Gynäkologin Dr. Maria Beckermann fest, dass Frauen in den Wechseljahren keine „Mangelwesen“ seien, eine Hormontherapie nur wenige benötigen würden, und dass auch Olivenöl ein probates Mittel gegen vaginale Trockenheit sei. Das klingt erst mal nach einer guten Nachricht. Und genau das ist das Problem.
Denn bei genauerem Hinsehen weichen mehrere Kernaussagen des Interviews erheblich von genau der Leitlinie ab, an deren Erstellung die Interviewpartnerin mitgewirkt hat. Es wird abseits der Evidenz argumentiert – und das verunsichert Frauen, statt ihnen zu helfen. Hier ein paar Beispiele:
Sind wirklich nur Hitzewallungen „echte“ Wechseljahresbeschwerden?
Eine der zentralen Behauptungen: Nur Hitzewallungen seien spezifisch für die Wechseljahre. Schlafstörungen, Gelenkbeschwerden, depressive Verstimmungen – alles nicht hormonell bedingt. Doch die S3-Leitlinie sieht das anders. Sie erkennt neben Hitzewallungen auch urogenitale Beschwerden, Schlafstörungen und psychische Symptome als behandlungsbedürftige Folgen der hormonellen Umstellung an. Die Leitlinie wird gerade überarbeitet, Symptome neben den Hitzewallungen sollen dann mehr Raum einnehmen.
Dass bestimmte Beschwerden auch in anderen Lebensphasen auftreten, bedeutet nicht, dass sie bei Frauen in der Perimenopause nicht hormonell mitbedingt sein können. Der Östrogenabfall beeinflusst zahlreiche Organsysteme – vom Gehirn über die Gelenke bis zur Blase. Das gesamte Beschwerdespektrum auf Hitzewallungen zu reduzieren, entwertet die Erfahrung von Millionen Frauen.
Nur 10 bis 20 Prozent betroffen? Die Zahlen sagen etwas anderes
Im Interview ist von zehn bis zwanzig Prozent der Frauen die Rede, deren Hitzewallungen Krankheitswert hätten. So zeigen internationale Daten der Lancet-Kommission (2024), dass 60 bis 80 Prozent aller Frauen vasomotorische Symptome erleben, ein Drittel bis die Hälfte davon in moderater bis schwerer Form.
Und auch Frauen mit „mittleren“ Beschwerden verdienen eine individuelle Beratung. Die Schwelle für Hilfe sollte nicht so hoch liegen, dass Frauen erst im Burnout landen müssen.
„Anpassung“ – oder doch ein Krankheitsbild?
Niedrige Östrogenwerte seien kein Mangel, sondern eine angemessene Anpassung, heißt es im Interview. Der Vergleich: Auch Mädchen vor der Pubertät hätten niedrige Werte. Doch dieser Vergleich ist biologisch irreführend. Ein erwachsener Körper, dessen Gewebe über Jahrzehnte auf Östrogen angewiesen war, reagiert anders auf den Wegfall als ein kindlicher Körper, in dem Östrogen noch keine Rolle gespielt hat.
Das urogenitale Menopause-Syndrom (GSM) – ist ein anerkanntes, fortschreitendes Krankheitsbild: vulvovaginale Atrophie, wiederkehrende Harnwegsinfekte, Schmerzen. Es als „Anpassung“ zu framen, bagatellisiert reale Beschwerden. Niemand würde einer Frau mit Schilddrüsenunterfunktion sagen, der niedrige Hormonspiegel sei eine angemessene Anpassung.
Sechs bis zwölf Monate – und dann Schluss?
Nach Erfahrung der Interviewpartnerin brauchen die meisten Frauen Hormone nur sechs bis zwölf Monate. Die Leitlinie empfiehlt eine jährliche Überprüfung der Therapie – setzt aber keine pauschale Obergrenze. Studien zeigen, dass vasomotorische Symptome im Durschnitt 7,4 Jahre andauern, bei Frauen mit frühem Beginn in der Perimenopause sogar über elf Jahre.
Bei über der Hälfte der Frauen – in manchen Untersuchungen bei bis zu 87 Prozent – kehren die Beschwerden nach dem Absetzen zurück. Die Leitlinie gibt bewusst keine starre Zeitgrenze vor, weil jede Frau anders ist. Die Therapiedauer sollte individuell entschieden werden – basierend auf Symptomen und Risikoprofil, nicht auf einer ideologischen Grundhaltung.
„Bioidentisch“ – nur ein Marketingbegriff?
Der Begriff „bioidentisch“ werde irreführend verwendet, er sei reine Marketingstrategie, heißt es. Dass der Begriff teils missbraucht wird, stimmt. Aber es gibt einen klinisch relevanten Unterschied: Transdermales Östradiol mit mikronisiertem Progesteron hat ein anderes Risikoprofil als die in der WHI-Studie verwendeten konjugierten equinen Östrogene plus synthetisches Gestagen. Die S3-Leitlinie bevorzugt heute transdermales Östradiol plus Progesteron als Kombination mit günstigerem Sicherheitsprofil.
Transdermal versus oral, Progesteron versus synthetische Gestagene – diese Unterschiede sind klinisch relevant und in der Leitlinie berücksichtigt. Sie pauschal als „Marketing“ abzutun, führt Frauen in die Irre.
Langzeit-HRT: Die Leitlinie kennt keine Fünf-Jahres-Grenze
Eine langfristige Hormontherapie über fünf Jahre sei nur in Einzelfällen berechtigt, sagt die Interviewpartnerin. Die Leitlinie formuliert das anders: Sie empfiehlt eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung, keine starre Grenze. Das Brustkrebsrisiko unter transdermaler HRT mit mikronisiertem Progesteron ist in den ersten fünf Jahren nicht erhöht. Danach steigt es leicht an – vergleichbar mit dem Risiko durch regelmäßigen Alkoholkonsum oder Bewegungsmangel. Übergewicht hat sogar einen stärkeren Einfluss auf das Brustkrebsrisiko als eine langjährige HRT.
Die Leitlinie sagt „jährlich überprüfen“ – nicht „nach fünf Jahren absetzen“. Das ist ein wichtiger Unterschied, der Frauen Sicherheit gibt.
Olivenöl statt Östriol?
Oft reichten hormonfreie Vaginalcremes oder Olivenöl, heißt es. Das urogenitale Menopause-Syndrom ist ein fortschreitendes Krankheitsbild: Es betrifft nicht nur den Sex, sondern auch Blase und Harnwege. Die Leitlinie empfiehlt bei urogenitaler Atrophie lokale Östrioltherapie. Olivenöl kommt darin nicht vor.
Wiederkehrende Harnwegsinfekte, Blasenschwäche und chronische Beschwerden im Intimbereich beeinträchtigen die Lebensqualität massiv. Diese Beschwerden verdienen eine adäquate Behandlung – nicht den Verweis auf Haushaltsöle.
Prävention durch HRT – komplett widerlegt?
Im Interview wird der Nutzen der Hormontherapie als Verzerrung dargestellt: Healthy-User-Bias, mehr nicht. Dass dieser Bias in älteren Beobachtungsstudien real ist, stimmt. Die Leitlinie sieht eine HRT nicht als Mittel zur Herz-Kreislauf-Prävention – erkennt aber die knochenschützende Wirkung als eigenständige Indikation an. Und die Timing-Hypothese wird durch Daten gestützt: Frauen, die innerhalb von zehn Jahren nach der Menopause mit HRT beginnen, zeigen in Studien ein reduziertes kardiovaskuläres Risiko.
Die Wissenschaft hat sich seit den 1990er-Jahren weiterentwickelt. Wer die alten Fehler benennt, muss auch die neuen Erkenntnisse erwähnen – sonst entsteht ein ebenso verzerrtes Bild, nur in die andere Richtung.
Machen Hormone inkontinent?
Frauen, die Hormone einnehmen, litten häufiger unter Harninkontinenz, heißt es. Diese Aussage vermischt systemische und lokale Hormontherapie. Tatsächlich kann eine systemische orale HRT – insbesondere mit konjugierten Östrogenen – eine Stressinkontinenz verstärken. Gleichzeitig ist eine lokale Östrogentherapie die empfohlene Behandlung bei urogenitaler Atrophie und Dranginkontinenz. Ohne diese Differenzierung schürt die Aussage Ängste, die nicht evidenzbasiert sind.
Wer soll Frauen aufklären, wenn nicht Ärzt:innen?
Im Interview wird außerdem die These aufgestellt, Aufklärung über die Wechseljahre gehöre nicht in Arztpraxen, sondern in Schulen und öffentliche Gesundheitszentren. Ein schöner Gedanke – nur existieren solche Zentren in Deutschland flächendeckend nicht. Für die meisten Frauen ist die gynäkologische Praxis der einzige Ort, an dem sie fachlich fundierte Beratung bekommen können.
Einerseits wird also kritisiert, dass Influencerinnen das Thema besetzen. Andererseits soll die Aufklärung nicht in der Arztpraxis stattfinden. Wer aber soll Frauen dann informieren? Aufklärung aus der Medizin auszulagern, überlässt das Feld genau denen, die im Interview kritisiert werden.
Frauen in den Wechseljahren sind keine Mangelwesen
Ich teile die Grundaussage: Frauen in den Wechseljahren sind keine Mangelwesen. Keine Frau muss Hormone nehmen. Aber jede Frau, die unter Wechseljahresbeschwerden leidet, verdient eine ehrliche, evidenzbasierte Beratung. Und die sollte sich an der Leitlinie orientieren, nicht an persönlichen Überzeugungen.
Du möchtest fundiert über die Hormontherapie informiert werden? In unserem Online-Kurs INSIDE Hormone behandeln wir gemeinsam mit Dr. Judith Bildau alle Fragen rund um die HRT – evidenzbasiert und verständlich.
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Häufige Fragen zu den Wechseljahren
Was sagt die S3-Leitlinie für die Peri- und Postmenopause zur Dauer der Hormontherapie?
Die Leitlinie empfiehlt eine jährliche Überprüfung der Therapie, setzt aber keine pauschale Obergrenze. Die Therapiedauer richtet sich nach individuellen Symptomen und dem Risikoprofil.
Sind bioidentische Hormone sicherer als synthetische?
Die Leitlinie bevorzugt transdermales Östradiol plus mikronisiertes Progesteron aufgrund des günstigeren Risikoprofils. Die in der WHI-Studie verwendeten konjugierten equinen Östrogene plus Medroxyprogesteronacetat haben ein anderes Risikoprofil.
Hilft Olivenöl gegen vaginale Trockenheit?
Olivenöl kann ggf. kurzfristig Beschwerden lindern, behandelt aber nicht die Ursache. Bei vulvovaginaler Atrophie empfiehlt die Leitlinie eine lokale Östrioltherapie.
Verursacht eine Hormontherapie Harninkontinenz?
Eine systemische orale HRT kann eine Stressinkontinenz verstärken. Eine lokale Östrogentherapie ist dagegen die empfohlene Behandlung bei Dranginkontinenz und urogenitaler Atrophie. Die Differenzierung ist entscheidend.
Wie viele Frauen haben behandlungsbedürftige Wechseljahresbeschwerden?
60 bis 80 Prozent aller Frauen erleben vasomotorische Symptome. Ein Drittel bis die Hälfte davon in moderater bis schwerer Form. Die Zahl von 10 bis 20 Prozent unterschätzt das Problem
