In einem Kommentar in der Süddeutschen Zeitung argumentiert die Wissenschaftsjournalistin Christina Berndt, die aktuelle öffentliche Debatte über die Wechseljahre bewirke „nichts Gutes mehr“. Die neue Offenheit fördere demnach Krankheitserwartung und Krankheitsempfinden – als würde „Frausein über 50“ zunehmend als behandlungsbedürftiger Zustand dargestellt.
Diese Einschätzung greift aus meiner Sicht zu kurz. Denn sie verkennt, worum es in der aktuellen Auseinandersetzung tatsächlich geht: nicht um Pathologisierung, sondern um überfällige Aufklärung.
Wechseljahre sind keine Krankheit – aber auch keine Bagatelle
Die Wechseljahre sind keine Krankheit, sondern eine natürliche Lebensphase. Diese Einschätzung ist medizinisch unstrittig.
Ebenso unstrittig ist jedoch, dass die Wechseljahre eine hormonelle Umstellungsphase mit nachweisbaren körperlichen Veränderungen darstellen. Der Rückgang von Östrogen und Progesteron wirkt sich unter anderem aus auf:
- Knochenstoffwechsel und Osteoporoserisiko
- Herz-Kreislauf-Gesundheit
- Stoffwechsel und Gewichtsentwicklung
- Schlaf, Stimmung und kognitive Leistungsfähigkeit
- Muskeln, Gelenke und Bindegewebe
Diese Zusammenhänge sind gut erforscht. Darüber zu informieren ist kein Alarmismus, sondern medizinische Notwendigkeit.
Macht Offenheit Frauen krank?
Im Kommentar wird die These vertreten, die neue Offenheit schade Frauen, weil sie eine Krankheitserwartung fördere.
Für diese Annahme gibt es keine wissenschaftlichen Studien. Belegt ist vielmehr das Gegenteil: fehlende Information führt zu Unsicherheit, Fehldeutungen von Symptomen, verzögerter Diagnostik und unnötigem Leid.
Mit Wissen ist es umgekehrt. Wissen ermöglicht, Beschwerden und Therapiemöglichkeiten einzuordnen und selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen.
„Die meisten Frauen haben keine Probleme“ – und die anderen?
Richtig ist: Viele Frauen kommen gut durch die Wechseljahre. Ebenso richtig ist: Rund jede dritte Frau empfindet diese Lebensphase als sehr belastend, ein weiteres Drittel als moderat belastend. Und auch wenn diese Statistik gar nicht alle Symptome berücksichtigt, sondern in erster Linie nur die Hitzewallungen, sind das Millionen Frauen allein in Deutschland.
Ihre gesundheitlichen Bedürfnisse ernst zu nehmen, bedeutet nicht, alle Frauen krankzureden.
Über die Wechseljahre zu sprechen, ist kein Makel
Im Kommentar heißt es, das Thema werde vor allem von Buchautorinnen, Biohormon-Anbietern und der Pharmaindustrie „beworben“.
Diese Darstellung unterschlägt, dass Aufklärung über Wechseljahre auch von:
- medizinischen Fachgesellschaften
- Ärztinnen und Ärzten
- Krankenkassen
- Medizinjournalist:innen
- gesundheitspolitischen Initiativen
geleistet wird.
Studienergebnisse zu teilen, auf politische Engpässe aufmerksam zu machen und für die Beschwerden als auch die Folgen der Menopause zu sensibilisieren, sind kein Marketing – sondern schließen eine Lücke in der Aufklärung.
Gesünder alt werden ist kein Krankheitsnarrativ
Dass Frauen heute gesünder alt werden möchten als ihre Mütter oder Großmütter, ist kein Ausdruck übersteigerter Krankheitserwartung. Es ist ein legitimer Wunsch in einer Gesellschaft, in der Lebenserwartung, Arbeitsjahre und aktive Lebenszeit zunehmen.
Gefordert wird weder eine Behandlung für alle, noch eine Pathologisierung des Älterwerdens, sondern Zugang zu Information, Beratung und Prävention für die Frauen, die dies brauchen oder wünschen.
Aufklärung ist nicht das Problem – sondern Teil der Lösung
Die Offenheit, mit der heute über die Wechseljahre gesprochen wird, ist überfällige Aufklärung nach Jahrzehnten struktureller Ignoranz gegenüber weiblicher Gesundheit. Diese hat Frauen geschadet, die neue Offenheit tut es nicht.
Folge wexxeljahre gern auf Instagram und/oder abonniere unseren Newsletter – um mehr über die Wechseljahre zu erfahren!
Tipp: Wenn du mehr über die HRT lernen willst, komm in unsere Online-Kurs INSIDE Hormone. Das ist unser medizinisch fundierter Kurs zur Hormontherapie in den Wechseljahren, inkl. Live Q&A mit Dr. Judith Bildau, eine der erfahrensten Expertinnen für die Wechseljahre. >> Zur Warteliste
Häufige Fragen zu den Wechseljahren
Sind die Wechseljahre eine Krankheit?
Nein. Die Wechseljahre sind keine Krankheit, sondern eine natürliche hormonelle Umstellungsphase im Leben von Frauen.
Gleichzeitig können die hormonellen Veränderungen messbare Auswirkungen auf verschiedene Organsysteme haben. Diese medizinisch einzuordnen, ist Teil moderner Gesundheitsvorsorge.
Warum sprechen Ärzt:innen von gesundheitlichen Risiken in den Wechseljahren?
Der Rückgang von Östrogen und Progesteron beeinflusst unter anderem den Knochenstoffwechsel, das Herz-Kreislauf-System, den Stoffwechsel, den Schlaf und die psychische Stabilität. Über diese Zusammenhänge zu informieren dient Prävention und Früherkennung, nicht der Pathologisierung.
Haben alle Frauen Beschwerden in den Wechseljahren?
Nein. Viele Frauen erleben die Wechseljahre ohne oder nur mit milden Beschwerden.
Studien zeigen jedoch, dass etwa jede dritte Frau diese Phase als körperlich oder psychisch sehr belastend empfindet. Für diese Frauen sind Information und Beratung besonders relevant.
Braucht jede Frau in den Wechseljahren eine Behandlung?
Nein. Eine medizinische Behandlung ist keine generelle Empfehlung für alle Frauen.
Entscheidend sind individuelle Beschwerden, Risikoprofile und persönliche Präferenzen. Ziel ist eine informierte Entscheidung – nicht eine pauschale Therapie.
Warum wird heute mehr über Wechseljahre gesprochen als früher?
Weil die medizinische Forschung zur Frauengesundheit nach der reproduktiven Phase lange Zeit unzureichend war.
Die aktuelle Debatte spiegelt einen Nachholbedarf an Wissen, Forschung und Versorgung wider – aber nicht ein neues Krankheitsbewusstsein.
